„Armutszeugnis für unser reiches Land“

Vesperkirche lädt ab 6. Januar wieder zum Mittagessen ein

(Mannheim, 18.12.2018) Miteinander braucht Begegnung, Anerkennung, Beachtung und Menschlichkeit - mit der 22. Mannheimer Vesperkirche erkennt die Evangelische Kirche Mannheim erneut die gesellschaftliche Schieflage und reagiert mit Barmherzigkeit, aber auch mit einem Appell. „Ein besonderer Ort der Begegnung und wahrnehmbarer gegenseitiger Menschlichkeit ist die Vesperkirche“, so Dekan Ralph Hartmann, „aber auch eine Art Protestakt gegen die Armut in unserem reichen Land.“ Die durch Spenden finanzierte Vesperkirche findet ab 6. Januar wieder täglich bis 3. Februar in der Citykirche Konkordien statt. Bei einem Pressegespräch stellten Dekan Ralph Hartmann, Pfarrerin Anne Ressel und Helmut Bühler, Direktor des Diakonischen Werkes, die 22. Ausgabe vor.

„Recht schaffen“

Es ist eine große Errungenschaft, dass unser Sozialwesen nach Rechtsprinzipien funktioniert. Auch Arme haben Rechte, sind nicht auf Almosen angewiesen. Neben der praktischen Hilfe im kalten Januar, dem warmen Essen, der ärztlichen Versorgung, seelsorglichen Ansprachen hilft die Vesperkirche ihren Gästen, zu ihrem Recht zu kommen. „Häufig sind unsere Gäste aufgrund ihrer psychischen und körperlichen Verfassung nicht in der Lage, ihre Rechte einzufordern und geltend zu machen“, so Dekan Ralph Hartmann. „Umso wichtiger ist es, dass unabhängige Beratungsstellen die Bescheide prüfen und die Gäste bei Unstimmigkeiten zum Amt begleiten. Auch die Ärmsten unter uns haben ein Recht auf Wohnung, auf ärztliche Versorgung und Lebensunterhalt.“

Auch Pfarrerin Anne Ressel stellt fest: „Neben dem breiten Spektrum an Gästen mussten wir beim letzten Mal feststellen, dass vermehrt junge Menschen obdachlos sind und Senioren kommen, die die Nähe und Zuwendung in freundlicher Atmosphäre suchen, aber vor allem die warme Mahlzeit zu einem erschwinglichen Preis. Gerade Frauen sind von Alleinsein und Armut besonders betroffen, trauen sich aber seltener dies zu zeigen.“

Qualitatives Beratungsangebot

Trotz positiver Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, wie der jüngst veröffentliche Mannheimer Sozialatlas erkennen lässt, blickt Mannheim auf eine hohe Anzahl sogenannter „Aufstocker“ (mehr als 5,700 Menschen). Außerdem auf mehr als 3,300 Menschen über 65 Jahren, die Mindestsicherung beziehen müssen. „Mit ihrem täglichen Einkommen können sie ihr Existenzminimum nicht decken. Es reicht aber nicht aus, auf eine Zahl zu schauen“, betont Helmut Bühler, Direktor des Diakonischen Werkes. Neben der warmen Mahlzeit. steht den Bedürftigen ein konkretes Beratungsangebot zur Verfügung. Unterstützt wird das Angebot auch in diesem Jahr neben den Sozialarbeitern des Diakonischen Werkes, durch das Haus Bethanien e.V., die Streetwork-Arbeit des Caritasverband Mannheim, den Bezirksverein für Soziale Rechtspflege Mannheim und den Drogenverein Mannheim e.V.. „Wir lassen die Menschen nicht allein – wir bieten konkrete Hilfe“, sagt Bühler. „Eine gute begleitende Beratung vor Ort hat sich bewährt. Unser gut aufgestelltes und erfahrenes Team an Sozialarbeitern hat Einblick in die Biographien und damit Möglichkeiten konkret darauf einzugehen. Das hat Qualität.“ Neben der Beratung bietet die Vesperkirche wieder eine ärztliche Sprechstunde der Johanniter. Auch in diesem Jahr wird das Ärzteteam durch einen Zahnarzt verstärkt sein.

Netzwerk an Unterstützern

Die Mannheimer Vesperkirche wird von vielen ehrenamtlichen Helfern, Spendern und Unterstützern getragen. Es sind so viele, die uns ihre Zeit und Engagement, Finanz – und Sachmittel schenken. „Diese breite Unterstützung der Stadtgesellschaft macht Mut, die Themen anzusprechen“, betont Dekan Hartmann.

630 ehrenamtliche Helfer haben sich in diesem Jahr angemeldet. 1762 Einsätze schenken die ehrenamtlichen Helfer der Vesperkirche. Zu dem ehrenamtlichen Helfer-Team, von denen täglich über 60 im Einsatz sind, zählen auch 166 Schüler und Konfirmanden im Alter von 13-14 Jahren. Die Bandbreite der Aufgaben reicht dabei von der Bedienung beim Essen über das Packen der Vesperbeutel bis hin zu Einkaufs- und Lieferfahrten.

Eröffnungsgottesdienst am 6. Januar 2019

Pfarrerin Ilka Sobottke eröffnet die Vesperkirche am 6. Januar um 10 Uhr unter dem Titel „Himmelschreiendes Recht“ in der Kantorei. Zur Vesperkirche gehört die Predigtreihe „recht.schaffen“ ander Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft mitwirken. Neben Dekan Ralph Hartmann und den beiden Pfarrerinnen Ilka Sobottke und Anne Ressel werden Prof. Dr. Ellen Bareis, Dr. Konstantin von Notz und Prof. Dr. Christoph Sigrist Gastpredigten halten. Traditionell wird am 13. Januar das Kurpfälzische Kammerorchester unter der Leitung von Studierenden der Dirigierklasse Prof. Stefan Blunier stattfinden. Am 27. Januar machen sich Künstler und Musiker mit einem Benefizkonzert unter dem Titel „Friends for Vesperkirche“ für die Beteiligten stark. Unter dem Titel „recht.schaffen. Wohnraum für alle?!“ findet in diesem Jahr am 20. Januar um 18 Uhr ein sozialpolitisches Gespräch in der Konkordienkirche statt. Hierzu hat das Team der Vesperkirche Martin Maier, ehemals Wohnungsnotfallhilfe Diakonisches Werk Württemberg, als Impulsgeber zum Thema „Wohnungsnot in Baden-Württemberg und Mannheim“ eingeladen. Im Anschluss diskutieren dazu weitere Experten aus Mannheim: Karl-Heinz Frings (Geschäftsführer GBG), Andreas Ebert (Sozialplaner Fachbereich Arbeit und Soziales, Stadt Mannheim), Marie-Louise Uhrig (Wohnungsnotfallhilfe Haus Bethanien e.V.) und Pfarrerin Anne Ressel. Die Moderation übernimmt die Journalistin Waltraud Kirsch-Mayer.(JeLa)

Die durch Spenden finanzierte Vesperkirche wird getragen von der Evangelischen Kirche in Mannheim mit ihrem Diakonischen Werk. Foto: Alexander Kästel.

 

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